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Normalform der Geradengleichung

Die Normalform der Geradengleichung geht von der Größe des Winkels aus, den die Gerade mit der x-Achse einschließt.

Motivation

Wir haben eine Gerade p mit der allgemeinen Gleichung ax + by + c = 0. Wir wissen, dass der Graph einer linearen Funktion genau eine Gerade ist. Eine lineare Funktion schreiben wir üblicherweise in der Form y = f(x). Wir könnten also die allgemeine Gleichung der Geraden ax + by + c = 0 genau in diese Form umwandeln wollen. Dafür brauchen wir b ≠ 0, denn wir müssen die Gleichung nach y auflösen und also die ganze Gleichung durch b teilen. Wenn also b ≠ 0 gilt, können wir die allgemeine Gleichung so umformen:

ax+by+c=0/:baxb+y+cb=0/ nach y auflöseny=−axb−cb

So haben wir die Schreibweise einer gewöhnlichen linearen Funktion erhalten. Weil diese Schreibweise ziemlich umständlich ist, führen wir Abkürzungen ein und setzen

m=−abn=−cb

und dann können wir die vorige Gleichung in der Form schreiben:

y=mx+n

Das ist keine andere Form, wir haben nur statt des hässlichen Bruchs −cb einfach n geschrieben, mehr nicht. Weil die Form mx + n eine gewöhnliche lineare Funktion beschreibt, kann eine Gerade in dieser Form nicht parallel zur y-Achse sein. Das haben wir übrigens schon damit ausgeschlossen, dass wir b ≠ 0 gefordert haben.

Würde b = 0 gelten, wäre die Gerade parallel zur y-Achse, und die allgemeine Gleichung einer solchen Geraden hätte die Form ax + c = 0. Wenn wir diese Gleichung durch die Zahl a teilen und umformen, erhalten wir:

ax+c=0/:ax+ca=0x=−ca

Weil der Bruch −ca wieder hässlich ist, führen wir die Substitution d=−ca ein, sodass wir am Ende die Gleichung

x=d

erhalten.

Fassen wir zusammen: Jede Gerade, die nicht parallel zur y-Achse ist, können wir in der Form y = mx + n schreiben, wobei m, n ∈ ℝ, und jede Gerade parallel zur y-Achse können wir in der Form x = d schreiben, wobei d ∈ ℝ.

Die Gleichung der Form y = mx + n nennt man dann die Normalform der Geradengleichung und den Koeffizienten m nennen wir die Steigung der Geraden.

Beispiel

Gegeben ist eine Gerade, die durch die Punkte A(2 ∣ 8), B(8 ∣ 10) verläuft. Bestimme die Normalform der Geraden. Die Normalform bestimmt man am besten aus der allgemeinen Geradengleichung, also stellen wir zuerst diese auf. Die allgemeine Gleichung hat die Form ax + by + c = 0, wobei (ab) der Normalenvektor ist, also bestimmen wir den Normalenvektor. Der Richtungsvektor hat die Koordinaten (8 ∣ 10) − (2 ∣ 8) = (6 ∣ 2), also hat der Normalenvektor n→ die Koordinaten (−2 ∣ 6). In die allgemeine Gleichung können wir also a = −2, b = 6 einsetzen:

−2x+6y+c=0

Für die Koordinaten (x ∣ y) setzen wir in die Gleichung einen Punkt ein, durch den die Gerade sicher verläuft. Zum Beispiel den Punkt B(8 ∣ 10). Wir setzen also x = 8, y = 10 in die Gleichung ein:

−2⋅8+6⋅10+c=0−16+60+c=0c=−44

Wir erhalten die allgemeine Gleichung

−2x+6y−44=0

Diese Gleichung können wir durch −2 teilen und erhalten eine etwas schönere Form:

x−3y+22=0

Die Normalform erhalten wir, indem wir nach y auflösen. Wir bringen alle übrigen Terme auf die rechte Seite und teilen die Gleichung anschließend durch drei:

x−3y+22=0−3y=−x−22/⋅−13y=x+22/⋅13y=13x+223

Die letzte Zeile stellt die Gerade in der Normalform dar. Wenn wir die Koeffizienten m, n wissen wollten, würden wir m=13,n=223 notieren. Du kannst dir noch den Graphen der Geraden mit dem Richtungsvektor u→ und dem Normalenvektor n→ ansehen:

Gerade p mit dem Richtungsvektor \vec{\mathbf{u}} und dem Normalenvektor \vec{\mathbf{n}}

Wäre der Koeffizient n nicht gerade so unpraktisch als 223 herausgekommen, könntest du auf den ersten Blick sehen, dass der Koeffizient n die y-Koordinate des Schnittpunkts der Geraden mit der y-Achse bestimmt. Der Schnittpunkt mit der y-Achse hat die x-Koordinate x = 0. Setzen wir das in die Gleichung y=13x+223 ein, erhalten wir y=13⋅0+223=223, also hat y für x = 0 den Wert y=223.

Steigung der Geraden

Hat eine Gerade die Gleichung in der Normalform y = mx + n, nennen wir die Zahl m die Steigung der Geraden. Die Steigung der Geraden hängt mit dem Winkel zusammen, den die Gerade mit der positiven x-Achse einschließt. Sieh dir die folgende Abbildung an:

Vier verschiedene Geraden mit unterschiedlicher Steigung

Die Abbildung zeigt vier verschiedene Geraden mit unterschiedlichen Steigungen m, aber immer mit demselben Koeffizienten n = 2. Alle Geraden haben also die Form y = mx + 2. Beachte, dass sich mit der stetigen Änderung der Steigung, also der Zahl vor der Unbekannten x, auch der Winkel ändert, den die Gerade mit der positiven x-Achse einschließt. Zum Beispiel schließt die violette Gerade y=12x+2 mit der Achse den Winkel δ ein, die rote Gerade y = x + 2 den Winkel γ und die grüne Gerade y = 2x + 2 den Winkel β.

In diesem Fall gilt: Je größer die Steigung, desto größer ist auch der Winkel, den die Gerade mit der Achse einschließt. Die Steigung der violetten Geraden y=12x+2 ist m1=12, die Steigung der grünen Geraden y = 2x + 2 ist m2 = 2, es gilt also m1 < m2. Zugleich gilt δ < β. Aber zum Beispiel die Steigung der blauen Geraden y = −2x + 2 ist m3 = −2, sie ist also kleiner als alle vorherigen, und trotzdem ist der Winkel α von allen Winkeln der größte.

Wir sehen, dass die Steigung m mit dem Winkel irgendwie zusammenhängt. Das untersuchen wir genauer. Wir stellen nur die violette Gerade y=12x+2 dar und interessieren uns für den Winkel δ. Wir wählen auf der Geraden zwei beliebige verschiedene Punkte A, B und bilden aus ihnen ein rechtwinkliges Dreieck ABC, wie in der Abbildung dargestellt. Die Winkel δ und ϵ sind gleich groß, weil es sich um Stufenwinkel handelt.

Gerade y = \frac12x+2

Wir versuchen nun, den Winkel ϵ mithilfe der Strecken AC und BC auszudrücken. Dafür müssen wir die Längen dieser Strecken kennen. Wir bezeichnen die Koordinaten der Punkte A und B so: A = (x1 ∣ y1) = (2 ∣ 3) und B = (x2 ∣ y2) = (6 ∣ 5). Die Länge der Strecke AC ist also gleich der Differenz |x2 − x1| = |6 − 2| = 4. Wir nehmen die x-Koordinate des Punktes B, die mit der x-Koordinate des Punktes C übereinstimmt, und ziehen von dieser Zahl die x-Koordinate des Punktes A ab. So erhalten wir die Länge der Strecke AC. Dasselbe machen wir mit der Strecke BC, nur nehmen wir die y-Koordinaten. Es gilt also |BC| = |y2 − y1| = |5 − 3| = 2.

Weiter verwenden wir die Winkelfunktionen, konkret den Tangens. Im rechtwinkligen Dreieck ABC gilt für den Winkel ϵ: tan⁡(ϵ)=|BC||AC|. Der Tangens des Winkels ϵ ist gleich dem Verhältnis von Gegenkathete zu Ankathete. Setzen wir für die Strecken ihre Längen ein, erhalten wir:

tan⁡(ϵ)=|BC||AC|=|y2−y1||x2−x1|=24=12

Der Tangens des Winkels ϵ, der gleich dem Winkel δ ist, beträgt also 12. Der Tangens des Winkels, den die Gerade mit der positiven x-Achse einschließt, ist 12. Die Gleichung dieser Geraden ist aber y=12x+2, also ist der Tangens des Winkels, den die Gerade mit der positiven x-Achse einschließt, gleich der Steigung dieser Geraden! Das ist kein Zufall und gilt allgemein:

Hat eine Gerade p die Gleichung in der Normalform y = mx + n, dann ist die Steigung m gleich dem Tangens des Winkels, den die Gerade p mit der positiven x-Achse einschließt.

Kapitel: Parameterform der Geraden, Allgemeine Geradengleichung, Normalenvektor einer Geraden, Normalform der Geradengleichung, Geradengleichung im Raum